DÜWAG AG
Siemens Duewag Schienenfahrzeuge GmbH

   COMBINO-Entwicklung

Ausgangslage

Seit Ende der Achtzigerjahre stiegen die Herstellungskosten von Strassenbahnwagen kontinuierlich an. In Deutschland ging man für von einem minimalen Kaufpreis von 3,5 Mio. DM/Einheit aus. Insbesondere bei 100-Prozent-Niederflurfahrzeugen schlugen sich vor allem Mehraufwendungen für Elektronik, aufwändige Einzelradfahrwerke sowie für Komfortausstattungen wie Klimaanlagen, elektronische Anzeigesysteme usw. direkt im Herstellungspreis nieder. Je nach Ausstattung, Länge, Ein- oder Zweirichtungsfahrzeug ergab sich so ein Preis von 3,7 bis 5,0 Mio. DM pro Wagen.

Die bisher entwickelten und gelieferten Niederflur-Strassenbahnwagen wurden meist in kleinen Serien nach den Wünschen der einzelnen Verkehrsbetriebe gebaut. Um eine Einsatztauglichkeit zu erreichen, mussten nicht selten trotzdem Anpassungen an den Gleisanlagen sowie an den Haltestellen vorgenommen werden. Über eine Nutzungsdauer von rund 30 Jahren hatte der Betrieb für Energie sowie für Wartung und Instandhaltung inklusive Ersatzteilen zusätzlich mit Kosten bis zum Dreifachen des Kaufpreises zu rechnen.

Konzept

Aufgrund dieser Ausgangslage startete Siemens Verkehrstechnik zusammen mit dem Tochterunternehmen Duewag 1) ein Projekt mit dem Ziel, ein 100-Prozent-Niederflurfahrzeug (Typ NF 100) zu entwickeln. Bei diesem sollte der Anschaffungspreis lediglich 40 Prozent der Lebenszykluskosten betragen, die Energiekosten deutlich reduziert und – aufgrund von Vereinfachungen in der Wartung und der Ersatzteilhaltung durch den Hersteller – die gesamten Folgekosten erheblich gesenkt werden. Desweiteren sollten erprobte Fahrzeugtechnik mit einem hohen Mass an Komfort und Sicherheit und einem ansprechenden Design verbunden werden. Planungsbeginn war am 2. Juni 1994.

Die Lösung wurde in einem modularen Aufbau und die dadurch mögliche, Aneinanderreihung von Kopf-, Fahrwerk- und Mittelmodulen nach Kundenwunsch gefunden. Die Kombinationsvielfalt setzte sich selbstverständlich in Spurweite (Normal- bzw. Meterspur), Fahrzeugbreite (2'300 mm bis 2'650 mm), Motorisierung und auch in Variationen der Innenausstattung fort. Es konnten Fahrzeuge von 18 bis 42 Meter Länge für jeden Einsatzzweck projektiert werden. Die einzelnen Module waren standardisiert und verfügten über ein festes Rastermass. Sämtliche für ein Antriebsmodul nötigen Steuerungselemente waren direkt über diesem angeordnet, was beispielsweise aufwändige Verkabelungsarbeiten vermied. Während der Konzeptphase arbeiteten die Spezialisten (Design, Mechanik, Elektrotechnik) eng zuammen und erreichten so eine Gesamtoptimierung durch hohe Kompromissbereitschaft. Die ausgesprochene Modularität schlug sich schliesslich auch im Markennamen «COMBINO» nieder.

Design

Das Design des ersten (Prototyp-)COMBINO wurde 1994–96 von dem Industriedesigner Werner Paulussen entwickelt. Paulussen-Design betreute das Projekt bis 2009 und entwickelte neben vielen Studien fünf unterschiedliche Fahrzeugköpfe für die Serien-COMBINOs. Ursprüngliche Zielsetzung war ein freundliches und funktionales Erscheinungsbild mit hohem Wiedererkennungswert und optimierten ergonomischen Eigenschaften. Dazu gehörte auch eine blendfreie Zielanzeige und eine gute Sicht für den Wagenführer. Der Innenraum sollte grosszügig und hell erscheinen. Nichtsdestotrotz erinnert die Frontpartie der COMBINO-Basic an den Renault Twingo, einen dreitürigen Billigst-Kleinwagen aus dem Jahre 1993.

Wagenkasten

Zentral bei der Konstruktion des Wagenkastens war der Entscheid für eine geschraubte Aluminium-Bauweise. Zur Anwendung kam das System Alu-Grip von Alusisse (später Alcan). Gegenüber der geschweissten Ganzstahltechnik mit ihren Richt- und Spachtelprozeduren konnten so erheblich Kosten und Fertigungszeit gespart werden. Ebenso wog ein Wagenkasten eines dreissig Meter langen COMBINOs etwa 30% weniger als der konventionelle Stahlrohbau eines vergleichbaren Fahrzeugtyps.

 

 

 


Variobahn in Chemnitz: Erste Vertreter von 100-Prozent-Niederflurwagen in Deutschland zum Stückpreis von weit über vier Millionen DM (Prototyp von 1993, im Bild Einrichtungs-Serienwagen 610 mit Baujahr 2000).
© Dominik Madörin, CH-Ettingen (Bild-Nr. DE-2008_DSC_1527)

 


Modularität des COMBINO.
© DÜWAG (Sammlung Dominik Madörin, CH-Ettingen)

Fahrwerke

Um eine optimale Durchgangsbreite zwischen den Radkasten im Wageninnern zu gewährleisten sollten die Fahrwerke drehfest mit dem Wagenkasten verbunden werden. Die Fahrwerke befanden sich daher stets unter kurzen Wagenkastensegmenten, an welche über schwebende Gelenke ein- oder beidseitig weitere Wagenkasteteile angefügt werden konnten.

Die Triebfahrwerke bestanden aus je einem Losradpaar pro Seite, welche längsgekoppelt waren und gemeinsam von einem Asynchronmotor über Winkelgetriebe und Paketkupplungen angetrieben wurden. Der Antrieb war eine gemeinsame Entwicklung von BSI, Duewag und Siemens. Die Lauffahrwerke waren grundsätzlich gleich aufgebaut, wobei jedes Rad eine eigene Scheibenbremsanlage erhielt.

Durch die gewählte Ausführung und Anordnung der Fahrwerke mussten allerdings eher unruhige Laufeigenschaften in Kauf genommen werden, da durch die nicht mit einer Achse starr miteinander verbundenen Einzelräder keine Selbstzentrierung im Gleis durch den Sinuslauf erfolgt. Auch kleine Richtungskorrekturen auf gerader Strecke schlagen unmittelbar auf den gesamten Wagenkasten des Fahrwerksmoduls und nicht nur auf ein Drehgestell wie bei konventioneller Bauform.

Die anfänglich angebotenen und beim COMBINO-Prototypen realisierten Einzelachs-Einzerad-Fahrwerke (EEF) wurden nicht weiterverfolgt, da die höchstzulässigen Radlasten nur schwierig einzuhalten gewesen wären.

Weitere Einzelheiten über die Konstruktion finden sich unter COMBINO-Prototyp sowie unter Be 6/8 301-328.

 

 

 


Fahrwerk eines Basler COMBINOs. Gut erkennbar der längsliegende Motor sowie die Gummikeilpaketkupplungen, hinter welchen die Winkelgetriebe liegen.
© Dominik Madörin, CH-Ettingen

Weiterentwicklung

Das COMBINO-Fahrzeugkonzept entwickelte sich anfänglich zu einem Erfolg; die Rechnung der Kostrukteure schien aufgegangen. Erste Bestellungen trafen aus Potsdam, Erfurt und Basel ein.

Im Laufe der Produktion aufgrund von gemachten Erfahrungen vorgenommene, konstruktive Detailverbesserungen und Anpassungen am Design führten bei den Modellen der zweiten Generation zur Bezeichnung «COMBINO Advanced». Erste Fahrzeuge dieses Typs kamen ab Herbst 2001 nach Amsterdam, verfügten jedoch über ein eigenständiges, stark an den COMBINO Basic erinnerendes Aussehen.

In Nordhausen wird ein als «COMBINO Duo» genanntes Modell mit Hybridantrieb eingesetzt. Auf einer nicht elektrifizierten Teilstrecke der Harzquerbahn ausserhalb des Stadtbereichs werden diese Fahrzeuge dieselelektrisch von einer Dieselmotor-Generator-Gruppe angetrieben. Wie die «normalen» COMBINOs in Nordhausen sind diese Wagen lediglich dreiteilig.

Für die Rheinbahn AG entstanden Sonderausführungen, bei welcher sich die Endmodule auf Kleinrad-Laufdrehgestelle stützen.

Die im Rahmen der COMBINO-Sanierung erarbeiteten konstruktiven Verbesserungen am Wagenkasten und an den Fahrwerken führten zu einer dritten Generation «COMBINO Classic». Fahrzeuge dieses Typs konnten erstmals 2007 nach Bern verkauft werden.

Ausser dem Design und der Bezeichnung «COMBINO Plus» haben die nach Budapest (HU) und Almada (PT) verkauften Fahrzeuge nicht mehr viel mit den Ur-COMBINOs gemeinsam. Sie verfügen über geschweisste Wagenkästen aus Edelstahl statt Aluminium. Unter jedem Modul befindet sich ein Fahrwerk. Seit 2009 wird dieses Modell von Siemens Mobility unter dem neuen Namen Avenio vermarktet. COMBINOs werden seither nur noch Betrieben angeboten, welche bereits über Fahrzeuge dieses Typs verfügen.

 

 

 


Die ersten COMBINO Advanced wurden nach Amsterdam geliefert. Sie unterscheiden sich äusserlich kaum von den COMBINO Basic.
© Dominik Madörin, CH-Ettingen (Bild-Nr. NL-2010/2_DDB_0856)

Gelieferte COMBINOs weltweit (Stand 2010)
Stadt Betrieb Typ Anzahl Baujahr
Almada (PT) Metro Sul do Tejo COMBINO Plus 24 2005–2007
Amsterdam (NL) Gemeentevervoerbedrijf (GVB) COMBINO Advanced 155 2002–2004
Augsburg (DE) Stadtwerke Augsburg Verkehrsgesellschaft mbH (StwA) COMBINO Basic 41 2000–2004
Basel Basler Verkehrs-Betriebe (BVB) COMBINO Basic 28 1999–2002
Bern BERNMOBIL COMBINO Advanced 15 2003
Bern BERNMOBIL COMBINO Classic 21 2009–2010
Budapest (HU) Budapesti Közlekedési Részvénytársaság (BKV Rt.) COMBINO Plus 40 2003–2005
Düsseldorf (DE) Rheinbahn AG NF10 36 2000–2002
Düsseldorf (DE) Rheinbahn AG NF8 15 2003
Düsseldorf (DE) Rheinbahn AG NF8U 58 2006–2010
Erfurt (DE) Erfurter Verkehrsbetriebe AG (EVAG) COMBINO Basic 7 2000
Erfurt (DE) Erfurter Verkehrsbetriebe AG (EVAG) COMBINO Advanced 41 2002–2005
Freiburg i.Br. (DE) Freiburger Verkehrs AG (VAG) COMBINO Basic 8 1999–2000
Freiburg i.Br. (DE) Freiburger Verkehrs AG (VAG) COMBINO Advanced 10 2004–2006
Hiroshima (JP) Hiroshima Dentetsu COMBINO Basic 12 1999–2002
Melbourne (AU) Yarra Trams COMBINO Advanced 59 2003
Nordhausen (DE) Stadtwerke Nordhausen Verkehrs- und
Stadtreinigungsbetrieb GmbH
COMBINO Basic 2 2000
Nordhausen (DE) Stadtwerke Nordhausen Verkehrs- und
Stadtreinigungsbetrieb GmbH
COMBINO Advanced 5 2002
Nordhausen (DE) Stadtwerke Nordhausen Verkehrs- und
Stadtreinigungsbetrieb GmbH
COMBINO Duo 3 2004
Posen (PL) Miejskie Przedsiebiorstwo Komunikacyjne
w Poznaniu Sp. z o.o.
COMBINO Advanced 14 2004
Potsdam (DE) Verkehsbetrieb Potsdam GmbH (ViP) COMBINO Basic 17 1998–2001
Ulm (DE) SWU Verkehr GmbH COMBINO Advanced 10 2005–2007

 


1) 1990 übernahm der Siemens-Konzern die Aktienmehrheit der DÜWAG AG. 1999 wurde die DUEWAG AG eine einhundertprozentige Tochter von Siemens mit dem Namen Siemens Duewag Schienenfahrzeuge GmbH, Krefeld. Seit 2002 ist das Werk vollständig Teil der damaligen Siemens Verkehrstechnik.

   

 

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Aktualisiert am 09. Dezember 2012