Home Netzentwicklung Tram Lysbüchel-Hüningen (Huningue)

Basler Verkehrs-Betriebe (BVB)

Netzentwicklung

Lysbüchel–Hüningen (Huningue) (1910 bis 1961)


Zur gleichen Zeit wie Sankt Ludwig begehrte auch die einstige Festungsstadt Hüningen Anschluss ans Basler Strassenbahnnetz. Obwohl sich in der kleineren Nachbargemeinde Sankt Ludwigs um die Jahrhundertwende einige grössere Industriebetriebe ansiedelten, welche regen Verkehr mit Basel generierten, der Ort ein beliebtes Ausflugsziel der Stadtbevölkerung war und Hüninger sowie Hüningerinnen gerne allerlei Anlässe in Basel besuchten, liess das Tram aber etwas länger auf sich warten. Erst zu Beginn des Jahres 1909 lag der Beschluss des Basler Regierungsrats für den Bau der Strecke nach Hüningen vor. Da eine grenzüberschreitende Strassenbahnstrecke nun über die Zwischeninstanz des Reichsstatthalters in Strassburg die allerhöchste Genehmigung des deutschen Kaisers benötigte, erfuhr das Projekt auf deutscher Seite eine weitere Verzögerung und die Bauarbeiten konnten erst Ende September 1910 aufgenommen werden. Dafür beschleunigte eine Korrektion der Hüningerstrasse die Bauarbeiten auf der schweizerischen Seite. Hier kam – in Erwartung lediglich geringer Beanspruchung – andernorts ausgebautes Schienenmaterial zur Verwendung.

Die Neubaustrecke zweigte beim Lysbüchel von der Linie nach Sankt Ludwig ab und war lediglich auf den ersten 600 m bis kurz hinter die Staatsgrenze doppelspurig angelegt. Im Bereich der Zollstation kreuzte sie das Anschlussgleis zum St. Johann-Hafen (später kamen zwei weitere Niveaukreuzungen mit der Sandoz-Werkbahn hinzu). Das Tramgleis folgte nun der Basler Straße bis zur Brücke über den Hüningen-Kanal, wo eine Ausweichstelle Kreuzungen ermöglichte. Vorbei am späteren Abbatucci-Platz, dem quadratischen Mittelpunkt der ehemaligen, von Vauban erbauten Festung Hüningen, wurde der Bahnhof erreicht. Die Wendeschlaufe und ein Abstellgleis kamen in der davorliegenden Grünanlage zu liegen. Die feierliche Eröffnung fiel auf den 16. Dezember 1910.

Schon bei der Betriebseröffnung strebte man eine Verlängerung der Strecke nach dem 1,9 Kilometer entfernten Neudorf an, doch konnte die Umsetzung des weit fortgeschrittenen Projekts bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs nicht in Angriff genommen werden und verschwand anschliessend in der Schublade. Die Wagen dieser Linie hätte nicht nur Personen, sondern auch Gemüse in Güterwagen befördern sollen, welches Neudörfler Bäuerinnen auf dem Basler Markt absetzen wollten.

Betrieb

Zwischen der Landesgrenze und dem Ortseingang von Hüningen war die Strasse dunkel und unbeleuchtet. Es verkehrten deshalb ausschliesslich Motorwagen, die mit Dachscheinwerfern ausgerüstet waren.

Die Strecke wurde im Laufe der Zeit von folgenden Linien bedient:

  • Linie 15 (1910–1911)
  • Linie 6 (1911–1914)
  • Linie 9 (1915–1932)
  • Linie 5 (1932–1939)
  • Linie 7 (1947–1951)
  • Linie 25 (1951–1961)

Zunächst erreichte man Hüningen mit der Linie 15 ab St. Johanns-Tor. Vom 24. Dezember 1910 bis zum 30. Juli 1914 und vom 01. Juni 1923 bis zum 01. September 1939 konnte Hüningen bequem mit durchgehenden Wagen aus entfernteren Stadtteilen erreicht werden. Vom 31. Juli 1914 bis am  30. September 1915 sowie vom 01. September 1939 bis am 13. Juli 1947 ruhte der Betrieb kriegsbedingt.

Betrieb 1932 bis 1939

Vom 22. Mai 1932 bis am 1. September 1939 verkehrten die Wagen der langen Kombinationslinie 4/5 nach Huningue: Huningue (5) – Voltastrasse (5) – Schifflände (5) – Aeschenplatz (5) – Thiersteinerallee (5) – Güterstrasse (5 → 4) – Bahnhof SBB (4) – Aeschenplatz (4) – Schifflände (4) – Claraplatz (4) – Kleinhüningen (4). Für den ganztägig angebotenen 12-Minutenbetrieb benötigte man zehn Kurse, wobei jedoch nur jeder zweite nach Huningue durchfuhr. Der Zwischenkurs wendete an der Landesgrenze.

Anhängewagen wurden nur frühmorgens, über die Mittagszeit und abends mitgeführt.

Betrieb 1947 bis 1961

Im Zweiten Weltkrieg erlitten die Bahnanlagen schwere Schäden. Vor allem die Brücke über den Kanal war durch Bombenangriffe derart in Mitleidenschaft gezogen worden, dass eine Wiederinbetriebnahme der Tramlinie wegen hoher Reparaturkosten lange Zeit als nicht realisierbar galt. Erst 1947 waren die Anlagen auf eindringlichen Wunsch der Gemeinde soweit hergestellt, dass der Betrieb wieder aufgenommen werden konnte.

Das aufwändige Eröffnungsfest inszenierte man am französischen Nationalfeiertag, dem 14. Juli. Die Basler Verkehrs-Betriebe boten einen Pendelbetrieb zwischen Huningue Gare und Basel-Lysbüchel an. Bei einer Fahrzeit von 11 Minuten pro Weg und einem Halbstundentakt genügte ein einzelnes Fahrzeug, welches nachts in Huningue verblieb. Es bestand ein von den BVB unabhängiger Tarif in französischer Währung, das Personal war ebenfalls französisch, aber von den BVB angestellt und uniformiert. Zum Einsatz kamen ausschliesslich zweiachsige Motorwagen aus der Serie 101–136 mit Längssitzen. Diese durften die Grenze nur leer passieren – die Fahrgäste hatten die Tram zu verlassen und einige Meter zu Fuss zu gehen.

Sandoz-Pendelkurse

Die Haltestelle Fabrikstrasse war für die Angestellten der benachbarten Chemiefirma Sandoz von grosser Bedeutung. Für diese Fahrgäste zirkulierte in den Hauptverkehrszeiten morgens, mittags und abends ein Pendelkurs zwischen Lysbüchel und der Landesgrenze. Dieser Kurs nahm vom Lysbüchel die Fahrgäste der Linien 5 und 15 auf und fuhr das kurze Stück bis zur Grenze.

Der fast ausnahmslos als Einmannwagen geführte Arbeiterkurs war dem Depot Wiesenplatz zugeteilt und erreichte seine Einsatzstrecke via Dreirosenbrücke und Spitzkehre am Voltaplatz. Bei einer Fahrzeit von knapp zwei Minuten pro Richtung war dieser Dienst beim Personal wohl nicht sonderlich beliebt. Mit einem solchen Einsatzkurs ereignete sich am 13. Oktober 1958 an der Landesgrenze ein spektakulärer Zusammenstoss mit einer Rangierkomposition der Hafenbahn, bei welcher der B3 1324 umgeworfen und die SBB-Dampflok E 3/3 8480 entgleiste.

Einstellung

Die abgewirtschafteten Anlagen gaben je länger je mehr Grund zur Sorge. Rückstellungen waren keine vorhanden und die kleine elsässische Gemeinde konnte die finanziellen Mittel für eine einfache Erneuerung der Gleis- und Fahrleitungsanlagen nicht aufbringen. Auch die BVB verloren zusehend das Interesse am wenig einträglichen Betrieb, so dass man im gegenseitigen Einvernehmen auf eine Verlängerung des auslaufenden Pachtvertrags verzichtete. Am 12. April 1961 übernahm der Autobus den Dienst zwischen Lysbüchel und Huningue. Selbstredend entfiel gleichzeitig die Schikane, an der Grenze aussteigen zu müssen...

Haltestellen

Die Haltestellennamen blieben bis 1918 unverändert. Ab Lybüchel folgten sich

  • Fabrikstrasse
  • Landesgrenze Zoll
  • Kapellenweg
  • Ankerstrasse
  • Kanalstrasse
  • Sporenstrasse
  • Hafenstrasse
  • Kaiser Wilhelm Platz
  • Hüningen (Bahnhof)


Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde Hüningen wieder französisch, ebenso die Haltestellennamen:

  • La Chapelle (aus Kapellenweg)
  • Rue de l'Ancre (aus Ankerstrasse)
  • au Kanal (aus Kanalstrasse)
  • Rue de la Libération (aus Sporenstrasse)
  • Rue Barbanègre (aus Hafenstrasse)
  • Place Abbatucci (aus Kaiser Wilhelm Platz)
  • Huningue (Gare) (aus Hüningen (Bahnhof))

Ab 1922 hiess die Haltestelle Landesgrenze neu Rheinhafen St. Johann. Gleichzeitig hob man die Haltestelle Rue Barbanègre auf. 1927 wurde aus der Haltestelle La Chapelle der Chemin de la chapelle.

 

 


Ausschnitt aus dem Basler Stadtplan von 1940. Die Strecke vom Lysbüchel bis nach Hüningen ist rot hervorgehoben. Der letzte Abschnitt bis zum Bahnhof fehlt.


Halt, hier Grenze: Der Be 2/2 116 hat um 1960 die Zoll- und Grenzstation zwischen der Schweiz und Frankreich erreicht und muss noch die Abfertigung des vor ihm stehenden Autos abwarten, dessen Fahrer deutlich sichtbar herbeieilt.
© Sammlung Dominik Madörin, CH-Ettingen


Nur in den ersten Betriebsjahren konnte man während der Grenzüberfahrt im Tram sitzenbleiben. Später musste die Grenze zu Fuss überquert werden – der leere Tramwagen folgte nach.
© Sammlung Dominik Madörin, CH-Ettingen


Zwischen der Landesgrenze und dem Ortseingang führte die Strecke über weitgehend unbebautes Gebiet (Blick Richtung Basel).
© Sammlung Dominik Madörin, CH-Ettingen



Ansicht der Rue du Général Abbatucci in den Zwanzigerjahren. Die Strecke war durchgehend eingleisig angelegt.
© Sammlung Dominik Madörin, CH-Ettingen



Die Strecke endete in der Grünanlage vor dem Bahnhof Huningue (Aufnahme um 1960).
© Sammlung Dominik Madörin, CH-Ettingen



Während der Grenzbesetzung im Ersten Weltkrieg war die Strassenbahnstrecke deutlich sichtbar blockiert.
© Sammlung Dominik Madörin, CH-Ettingen


 

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Aktualisiert am 21. September 2016